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[12.] The Old Man and the Tea

Zufrieden lege ich mein Schreibutensil beiseite und lehne mich zurück. Ehrfurcht gepaart mit Hoffnung durchströmt meinen Geist, als ich das unscheinbare Papier betrachte, das vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, da ich mir bewusst mache, dass dieses Werk trotz seiner geradezu lächerlichen Simplizität die Geschichte der Menschheit ebenso nachhaltig beeinflussen wird, wie etwa die zehn Gebote, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder die Erfindung des anonymen Schmähbriefs. Niemand hätte wohl je zu träumen gewagt, dass man die gesamte menschliche Dummheit für alle Ewigkeit vom Angesicht der Erde tilgen kann, einzig indem man …

Das Krächzen des Weckers bohrt sich in mein Bewusstsein und gesellt sich zu dem pochenden Schmerz in meinem Kopf. Ich erwäge kurz, zurück zu krächzen, beschließe dann aber, dass ungerichtetes, kraftloses Schlagen mehr Erfolg verspricht. Tatsächlich verstummt das nervtötende Geräusch nachdem ich blindlings meinem Nachttisch die Tracht Prügel seines Lebens verpasst habe. Ich drehe mich noch mal um; die Nacht war einfach zu kurz – oder die Party zu lang, je nachdem – um mich in irgendeine Vorlesung über gestörte Kleinkinder zu quälen. Mit dem unumstößlichen Vorsatz, in zwei Stunden zur nächsten Lehrveranstaltung aufzustehen, ergebe ich mich der schleichenden, schmerzstillenden Dunkelheit…

… als mir plötzlich klar wird, dass ich die gleiche Situation schon vor zwei Stunden durchlebt habe. Meine heilige Verpflichtung gegenüber dem studentischen Ehrgeiz, mein unstillbarer Durst nach Wissen und – ganz nebenbei - die Tatsache, dass im nächsten Kurs eine Anwesenheitsliste geführt wird, eliminieren die verlockende Option, noch mal liegen zu bleiben. Wüst in mich hineinfluchend ignoriere ich das Dröhnen in meinem Schädel und richte mich im Bett auf. Unzählige Jahre intensiven Trainings erlauben es meinen höheren kognitiven Funktionen in aller Seelenruhe weiterzuschlafen, während der morgendliche Autopilot seinen Dienst aufnimmt und mich wankend Richtung Badezimmer stolpern lässt...

Als sich mein Gehirn wieder einklinkt, habe ich mich bereits mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das morgendliche Verkehrschaos gekämpft. Allerdings fällt mir auf, dass heute zwei Dinge anders sind als sonst: zum einen bin ich statt der üblichen fünf Minuten zu spät diesmal unerklärlicherweise über zehn Minuten zu früh dran, zum anderen stehe ich nicht vor der Uni, sondern vor dem Lebensmitteldiscounter meines Vertrauens. Ich rätsele noch, was zum Teufel dieser Unfug soll, als ich ein leichtes Kratzen im Rachen verspüre.

Das nachfolgende Räuspern, das in einem widerwärtigen, keifenden Hustenanfall endet, offenbart mir, dass mein Hals am gestrigen Abend wohl in Erfüllung seiner Pflicht komplett den Geist aufgegeben hat. Schnell wird mir klar, dass ich ohne konstante Flüssigkeitszufuhr nicht die geringste Chance habe, die kommenden drei Stunden zu überstehen. Wie es scheint sind meine niederen Instinkte zu der gleichen Einschätzung gelangt und haben mich deshalb hierher dirigiert; unflätig hustend binde ich also meinen Drahtesel an und bewege mich auf den Eingang zu.

Mit einem Tetra-Pack Eistee in der einen und einer Industriepackung Hustenbonbons in der anderen Hand steuere ich träge Richtung Kasse. Dort angekommen, wird mir mein komatöser Geisteszustand zum Verhängnis: ich stelle mich in die kürzeste Schlage – direkt hinter einen Rentner mit spärlich bestücktem Einkaufswagen. Als ich meinen katastrophalen Fehler bemerke, ist es schon zu spät; hinter mir haben sich weitere arme Seelen postiert und versperren mir jeglichen Fluchtweg. Und so bleibt mir nichts anderes übrig als gebannt zu verfolgen, wie sich Gebissreiniger, Zwieback und Dörrpflaumen auf dem Band unaufhaltsam ihren Weg zum Strichcode-Scanner bahnen.

Als die Kassiererin die Waren abrechnet und dem Mann die Gesamtsumme nennt, schaut der sie zunächst an, als hätte sie ihn auf Suaheli nach den Grundprinzipien der Quantenphysik gefragt. Die Sekunden verstreichen, während er zu überlegen scheint, was sie von ihm will. In mir regt sich das Verlangen, irgendetwas nach ihm zu werfen, doch rasch muss ich meine Gewaltgelüste zügeln – der Tetra-Pack könnte aufplatzen und die Bonbontüte wäre wahrscheinlich nicht hart genug. Schließlich durchsucht mein ergrauter Vordermann gemächlich alle seine Taschen und zückt endlich seinen Geldbeutel; daraus holt er aber nicht etwa Münzen oder Scheine, sondern erstmal einen Leergutzettel.

Die Dame hinter der Kasse lässt den Fetzen über den Scanner huschen und nennt dem Mann den neuen Betrag. Wieder scheint er sich kurz unschlüssig zu sein, ob sie überhaupt das Recht hat, Geld von ihm zu verlangen, doch dann fängt er wieder an sein Portmonee zu durchforsten. Nach sorgsamer Begutachtung muss er feststellen, dass er nicht genug Bargeld mit sich führt, um den immensen Betrag im einstelligen Euro-Bereich zu begleichen, also holt er mit der Fingerfertigkeit eines Ziegelsteins seine EC-Karte hervor.

Während die Kassiererin wartet, bis die Zahlung von ihrer Kasse akzeptiert wird, betrachte ich apathisch, wie an den anderen Kassen ein Kunde nach dem anderen, kommt, bezahlt und geht. Wenig später signalisiert ein glucksendes Geräusch die erfolgte Abwicklung und die Frau drückt dem Greis mit einem freundlichen Abschiedswort die Quittung in die Hand. Doch der macht keine Anstalten, die Szenerie zu verlassen. Stattdessen konfrontiert er die Kassiererin mit dem Vorwurf, dass er einen bestimmten Angebots-Artikel nicht hat finden können. Erst als sie ihm mit engelsgleicher Geduld – oder beneidenswerter Gleichgültigkeit – zum wiederholten Male erklärt, dass er sich auf einen drei Wochen alten Werbe-Prospekt bezieht, gibt er sich geschlagen und macht sich im Zeitlupentempo von dannen.

Ich ignoriere den überraschten Blick, als ich der Kassiererin kommentarlos das korrekt abgezähltes Kleingeld für meine lebenserhaltende Ration in die Hand drücke. Noch bevor der Thermodrucker die Quittung ausgespuckt hat, bin ich in selbstmörderischer Geschwindigkeit wieder auf dem Weg in die Uni. Der flüchtige Blick auf die Uhr offenbart mir ein vertrautes Bild: ich bin fünf Minuten zu spät. Wenn mich nicht alles täuscht, sollte just in diesem Moment die Anwesenheitsliste an meinem leeren Platz vorbeiwandern …

GuNNy 

16.12.06 01:49
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Paladin Sacrosanctus / Website (16.12.06 10:23)
Uhn-ieh? Deine fantasiewörter werden immer abstruser ^^


Pimeeffedly / Website (4.10.07 18:54)
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