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[8.] Elementary Madness

Morgens, halb acht im südlichen Erlangen. Vor der hiesigen Grundschule ist die Luft erfüllt von lebhaftem Kinderlärm; überall lachen, weinen, toben, balgen und blubbern kleine Menschen vor sich hin. Zwischen ihnen steht ein seltsamer Junge. Er ist um einiges größer und auch die dezenten Bartstoppeln und die düstere Erscheinung lassen vermuten, dass er nicht wirklich dazugehört. Aus den Augenwinkeln betrachten die Anderen die unheimliche Gestalt mit einer Mischung aus Unsicherheit und Antipathie. Das bringt wohl die Tatsache mit sich, dass besagter Junge die vierte Klasse zum dritten Mal wiederholt und somit um einiges zu alt für seine Umgebung ist. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sich ein bisschen mehr anzustrengen.

Zwanzig Minuten später donnere ich mit völlig unverantwortlichem Tempo um die Ecke. Die obligatorischen fünf Minuten zu spät, biege ich auf den Schulhof ein und ignoriere diverse Schilder, die das Radfahren auf dem Gelände untersagen. Eilig vertäue ich mein Bike und betrete das Schulgebäude. Ich verkneife mir mein wüstes Gefluche und bemühe mich, auf meinem Weg keinen der halbwüchsigen Nachzügler platt zu treten. Durch schier endlose Gänge haste ich zu dem Klassenzimmer, das mir bei der gestrigen Vorbesprechung zugewiesen wurde. Ich laufe einigen Lehrkräften über den Weg, die sich jedoch nicht die Bohne für meine Anwesenheit oder gar meinen knappen Gruß interessieren. Gedanklich sind die Pädagogen scheinbar schon beim nächsten Kaffeekonsum im Lehrerzimmer - ein mysteriöser Fremder, der im Schulhaus umhergeistert, ist da wohl eher nachrangig.

Verschwitzt erreiche ich die Tür des Klassenzimmers. Showtime. Ich setze ein halbherziges Lächeln auf und gehe auf die Lehrerin zu. Die gibt mir nach einer knappen Begrüßung gleich unmissverständlich zu verstehen: Nicht sie, sondern die Schullleitung habe beschlossen, eine komplette Schulstunde für irgendwelche ominösen Studentenspielchen zu opfern. Sie hätte ja eigentlich jede Menge wichtigen Stoff zu behandeln, anstatt die Kinder irgendwelche Fragebögen ausfüllen zu lassen. Aber nichtsdestotrotz sei sie unheimlich interessiert an diesem pädagogisch wertvollen Projekt; schließlich sei die Interessenentwicklung bei Kindern ihrer Meinung nach ein äußerst spannendes und praxisbezogenes Forschungsthema.

Klar doch. Ich kaufe ihr die Heuchelei nicht ab. Statt dessen hole ich zum Gegenschlag aus - was die kann, kann ich schon lange. Mit zuckersüßer Stimme bedanke ich mich ausdrücklich bei ihr für die Ermöglichung der Befragung. Auge um Auge. Zahn um Zahn.

Sie schreibt irgendwas an die Tafel, das nicht die geringste Ähnlichkeit mit meinem Nachnamen hat. Anschließend übergibt sie mir das Wort und verzieht sich mit einer Kaffeetasse auf eine Couch im hinteren Teil des Klassenraums. Ihre einzige Aufgabe bis zum Ende meines Auftritts wird von nun an darin bestehen, völlig apathisch ihren Blick von der kahlen Wand zum Fenster und zurück wandern zu lassen. Die Frage schießt mir durch den Kopf, ob man die Erziehung der Kinder nicht lieber einem engagierteren Menschen anvertrauen sollte - oder vielleicht zumindest einem seelenlosen Klumpen Lehm.

Kommentarlos wische ich das Gekritzel weg und schreibe meinen korrekten Namen hin. Als ich den Viertklässlern erkläre, wie und wozu sie den Fragebogen ausfüllen sollen, rufe ich mir die Besprechung mit dem stellvertretenden Direktor vom Vortag wieder ins Gedächtnis. Der hat dem Großteil seiner Schüler recht bescheidene geistige Kompetenzen attestiert. Also vermeide ich unter Auferbietung all meiner geistigen Kräfte selbst einfachste Fremdwörter und Sätze mit mehr als fünf Wörtern. Das stumpfe Glotzen der lieben Kleinen reicht mir als Verständnisbestätigung. Beim Austeilen der Fragebögen betone ich nochmal eindringlich, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt, dass sie sich Zeit lassen können und vor allem unbedingt ehrlich auf die knapp 20 Fragen zu ihren Interessen in Schule und Freizeit antworten müssen.

Als ich grandiose fünfzehn Minuten später den letzten Fragebogen zurückbekomme, beginne ich ernsthaft daran zu zweifeln, dass mir überhaupt jemand zugehört hat. Beim flüchtigen Durchgehen der Antworten erhärtet sich mein Verdacht, dass das Ganze ungefähr so sinnvoll war wie Schleudersitze in der U-Bahn. Wobei, ich könnte mich natürlich auch irren; vielleicht ist es wirklich so, dass sich der durchschnittliche Zehnjährige von heute brennend dafür interessiert, Informationen zu sammeln, Diktate zu üben oder das Klassenzimmer aufzuräumen. Und vielleicht sind die frappierenden Übereinstimmungen in den Fragebögen von den jeweiligen Banknachbarn wirklich reiner Zufall. Vielleicht.

Während ich noch abschließende Formalitäten erledige, hält die aus der Katatonie erwachte Lehrerin eine Nachbesprechung mit ihrer Klasse. Und so erfahre ich schließlich nebenbei, dass diese sehr wohl mit Worten wie "Anonymität" oder "Fragenkatalog" etwas hätte anfangen können - aber zum Glück habe ich ja auf die Einschätzung der Schulleitung vertraut und derartig informative Floskeln krampfhaft durch primitivste Umschreibungen ersetzt.

Als ich gehe, werde ich aus unisono von der ganzen Klasse verabschiedet. Ich murmle etwas Unverständliches zurück und bin geistig schon lange wieder unter meiner warmen Bettdecke...

GuNNy
27.5.06 01:49
 


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